RENEWABLE ENERGY

«Ich wünsche mir, dass Investoren in Afrika auf Augenhöhe verhandeln»

Nachhaltige und langfristige Investitionen sind heute ein grosses Thema. Sheila von Hoerner ist Powerfrau und ihres Zeichens Local Developer in Uganda für Unternehmen, die auf das Geschäft mit erneuerbaren Energien ausgerichtet sind – unter anderem responsAbility. Ein Geschäft, das in Afrika ein fast grenzenloses Wachstums- und vor allem Aufholpotential bietet.

Sheila von Hoerner

Im Auftrag erneuerbarer Energie für Uganda: Local Developer Sheila von Hoerner

PRESTIGE: Sheila, an welchen Projekten in erneuerbare Energien arbeiten Sie zurzeit, und wie muss man sich Ihre Arbeit genau vorstellen?

SHEILA VON HOERNER: Zurzeit arbeite ich an vier bis fünf Wasserkraft-Projekten zur lokalen Stromversorgung, die sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden. Zwei der Projekte sind für mich besonders wichtig, da ich bereits von Anfang an involviert war, als es darum ging, passende Standorte zu identifizieren. Neben der Standortauswahl besteht meine Aufgabe unter anderem darin, die Rentabilität zu überprüfen, Probleme zu lokalisieren und Lösungen zu finden, aber auch, mögliche Risiken zu minimieren und vor allem zwischen allen involvierten Parteien zu verhandeln und zu vermitteln.

SHEILA VON HOERNER

Die gebürtige Uganderin Sheila von Hoerner hat an der weltweit renommierten schottischen Universität St. Andrews studiert, in Kenia und Ägypten gelebt und gearbeitet und war in Washington D.C. auf dem Gebiet der internationalen politischen Beziehungen zwischen den USA und Afrika tätig.

Eine perfekte Grundlage für ihre heutige Tätigkeit als Local Developer, bei der sie nicht nur anspruchsvolle Projekte bei Investitionen in erneuerbare Energien in Uganda aufbaut, sondern auch Menschen verschiedenster Kulturen erfolgreich zusammenbringt.

Sheila von Hoerner lebt seit zwei Jahren in Zürich zusammen mit ihrem deutschen Mann, den sie vor acht Jahren im Studium in St. Andrews kennenlernte.

Sheila von Hoerner Portrait 2

Bedeuten Ihnen solche Aufgaben mehr als «nur» ein Job?

Einige der Projekte sind tatsächlich wie meine eigenen Babys. Man identifiziert sich sehr stark, und durch die enge Zusammenarbeit wird die «local community» beinahe zur Familie. Und natürlich möchte man, dass die Unternehmungen funktionieren, und tut alles, um sie auch gegen aussen zu schützen.

Als Local Developer sind Sie das Verbindungsglied zwischen den Energie-Unternehmen, der Regierung, den Investoren und der lokalen Gemeinschaft, aber auch zwischen ganz unterschiedlichen Kulturen …

Das ist richtig. Im Gegensatz zu westeuropäischen Ländern benötigt man bei uns in Uganda etwas mehr Geduld. Arbeitet man in Uganda, muss man verstehen, dass es wichtiger ist, eine gute Beziehung zu den Leuten aufzubauen, als fordernd aufzutreten und damit auf Widerstand zu stossen. Auf der anderen Seite erkläre ich unserer Regierung, dass Vorstände und das Management aus dem Ausland ein etwas höheres Tempo in der Abwicklung begrüssen würden. Grundsätzlich aber geht es immer darum, offen über die Herausforderungen und Erwartungen aller Parteien zu sprechen.

Wie entwickelt man Wasserkraft in Afrika?

Sie sind ja mit den Wasserkraftwerken im Bereich des Impact Investing tätig. Welche Grundidee steht dahinter?

Investitionen mit hohem Impact sind im Wesentlichen Investitionen in Firmen, die nicht nur den reinen Gewinn, sondern auch Nachhaltigkeit, ökologische Verantwortung und positive Wirkung auf die Lebensbedingungen der Bevölkerung im Auge haben. Es geht um Langzeit-Investitionen in integrative Geschäftsmodelle weltweit und die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern.

Sie arbeiten unter anderem für responsAbility. Welche Rolle nimmt dabei dieser Vermögensverwalter ein?

responsAbility verwaltet durch Anlagelösungen ein Vermögen, das in Unternehmen in Schwellenländern investiert ist, und fungiert so als Asset Manager für Investoren, die aus dem privaten, dem öffentlichen oder institutionellen Sektor kommen. Es gibt natürlich auch viele Regierungen, die in Grossprojekten involviert sind, sich aber an kleineren und mittleren Projekten beteiligen möchten, wie wir sie realisieren, und dafür einen «Mittelsmann» benötigen. Diese Managementfunktion übernimmt dann responsAbility mit Investment Managern vor Ort in den Schwellenländern und ermöglicht dadurch Investoren Zugang zu neuen Wachstumsmärkten im Inclusive Business. Rentabilität, Risiken und ökologische Implikationen werden dabei sorgfältig abgeklärt und geprüft.

Erneuerbare Energie für Afrika bei responsAbility

Worin liegt der Vorteil bei kleineren oder mittelgrossen Wasserkraftwerken im Gegensatz zu Grosskraftwerken?

Der bedeutendste Vorteil besteht in einem sehr viel grösseren Impact auf die lokale Gemeinschaft und das Land. Die positive Auswirkung beginnt schon am Anfang. Wenn Sie beispielsweise die Machbarkeit eines Projektes evaluieren und Sie mit lokalen Beratern zusammenarbeiten, entstehen bereits Arbeitsplätze. Für uns sind Partnerschaften mit lokalen Shareholdern von Interesse, damit das Wissen und der Profit im eigenen Land bleiben. Bei Grossprojekten, in denen Big Player involviert sind, wird meist mit grossen Beratungsfirmen aus dem Ausland und ohne lokale Beteiligung gearbeitet.

Natur im Fokus

Nachhaltige Investitionen haben auch den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur im Fokus.

Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Sehr gerne. Wenn wir zum Beispiel die Community in den Bau eines Wasserkraftwerks einbinden, fördert das Engagement und Verantwortung und kreiert Arbeitsplätze. Ebenso, wenn die Frauen aus der Bevölkerung für diese 300 oder 500 Arbeiter kochen. Haben Sie ein Grossprojekt mit 20’000 Arbeitern, wird die Kapazität der Frauen vor Ort offensichtlich nicht mehr ausreichen.

Glauben Sie, dass der heutige Zeitgeist des «Gutes tun»- Wollens und wertorientiert zu agieren diese Art von Projekten und Investitionen erst möglich macht?

Ja, ich denke, dass der Wille, etwas wirklich verändern zu wollen, durchaus eine wichtige Rolle spielt. Blickt man in die Vergangenheit, gab es kaum Beteiligung aus dem Privatsektor an Infrastrukturprojekten, die auf einen nachhaltigen und positiven Effekt für die Länder und Individuen abzielten. Möglicherweise gab es nicht diese intrinsische Idee, eine wirkliche Verbesserung der Lebensumstände vor Ort erreichen zu wollen. Die Bereitschaft, in Projekte mit Patient Capital langfristig zu investieren, ist heute enorm gestiegen. Auch in Uganda gab es bis vor wenigen Jahren keine Beteiligung des privaten Sektors an der Stromerzeugung. Man war der Meinung, dass das eine Sache der Regierung sei, die auch das Risiko eingehen und sich selbst helfen sollte. Heute aber haben wir Asset Manager, wie responsAbility, die zum einen ein Geschäftsfeld daraus machen und zur gleichen Zeit nachhaltige Entwicklungsziele ins Zentrum stellen.

Bei Sheila von Hoerner laufen alle Fäden zusammen.

Wie würden Sie den Unternehmergeist Afrikas beschreiben?

Die afrikanische Gesellschaft ist von Grund auf sehr unternehmerisch. So kann jemand von «9 to 5» arbeiten, webt daneben aber beispielsweise noch Taschen. Und natürlich ist der erste Absatzmarkt dann das Büro, in dem er oder sie arbeitet. Das passiert ständig, und es beginnt oft mit kleinen Dingen. Damit diese aber wachsen, strukturierter werden und auf ein höheres Niveau gelangen können, wird Kapital benötigt. Hier kommen wir ins Spiel. Durch Investitionen wird das Unternehmen erfolgreicher und kann damit auch nachhaltiger gestaltet werden. Eine weitere Herausforderung, die ich sehe, ist, dass viele Unternehmen – und ich spreche hier für Uganda – oft nur «Eine-Generation»-Unternehmen sind. Stirbt der Vater oder die Mutter, stirbt auch das Geschäft. In Europa bestehen viele Familienunternehmen über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg, werden aufgebaut und expandieren. Wenn wir mit responsAbility nun auch in Uganda die Möglichkeit haben, uns an langfristigen Geschäftsmodellen zu beteiligen, denke ich, dass wir den Punkt erreichen, an dem wir auch in100 Jahren noch gemeinsam mit ugandischen Unternehmern in der Energiegewinnung tätig sein werden und das «Eine-Generation-Dilemma» überwunden haben werden.

Verkauf

Der Zugang zu Strom ist ein zentrales Thema in Afrika und bietet ein ungeheures Potential. Welches sind Ihre persönlichen Visionen?

In erster Linie geht es mir darum, dass meine Projekte tragfähig sind oder werden. Mir ist es aber auch sehr wichtig, dass ich persönlich alles dafür tue, um mit meiner Arbeit einen kleinen Unterschied auszumachen. Längerfristig wäre ich sehr glücklich darüber zu sehen, dass ein grösserer Teil der Bevölkerung Zugang zu Strom hat – und sich ihn auch leisten kann. Heute liegen wir in Uganda durchschnittlich gerade einmal bei 21 bis 25 Prozent. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es notwendig, die Menschen vor Ort in die Projekte einzubinden. Denn gehören sie wirtschaftlich nicht dazu, werden sie sich den Strom nie leisten können. Strom setzt in den Menschen viel Kraft frei, betrachtet man alleine die enorme Bedeutung von Smartphones in Afrika. Sie sind es, über die Business betrieben wird oder die als Zahlungsplattform dienen. Strom bedeutet aber auch eine bessere medizinische Versorgung, politische Stabilität und Aspekte, die nicht monetär eingeordnet werden können, wie die Reduzierung der Mortalität.

Wasserkraftwerke

Wasserkraftwerke zur Stromerzeugung bieten in Afrika ein enormes Wachstumspotential.

Sheila, was wünschen Sie sich für Afrika?

Ich wünsche mir, dass Investoren in Afrika auf Augenhöhe verhandeln. Wir haben sicherlich nicht für alles das notwendige Kapital, aber wir haben die Fähigkeiten. Es geht nicht darum, Afrika zu helfen, sondern um echte, kommerzielle Partnerschaften, in denen es darum geht zu sehen, was jede Seite beitragen kann, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Deshalb liebe ich es auch so sehr, für responsAbility zu arbeiten, denn ich habe selten so faire Verhandlungen und Diskussionen gesehen. Wenn wir von diesem «Mindspirit» mehr fördern können, dann sehe ich einen langen, positiven Entwicklungsweg.

Dieser Artikel erscheint mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber von PRESTIGE und ist dort bereits in Volume 48, Autumn 2018 erschienen.

Text: Anke Refghi, Fotos: Thomas Egli